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Liebe Besucherinnen und Besucher, Liebe Mitchristen, was ist das eigentlich: Gemeinde? Ganz einfach, das sind die, die am Sonntag zum Gottesdienst zusammenkommen. Oder das sind die, die miteinander ein Pfarrfest feiern. Oder das sind die, die ganz fest glauben und diesen Glauben verkünden. Oder das sind die, die die alte Tradition weitertragen. Oder das sind die, die vor Ort an die Botschaft des Todes und der Auferstehung Jesu glauben. Oder das sind die, die vor Ort Kirche wirklich werden lassen. Oder das sind die, die .... Ich könnte noch viele Felder aufzählen und immer würden Sie sagen, ja das könnte auch Gemeinde sein. Aber was ist Gemeinde jetzt wirklich? Es ist schwer, zu formulieren, was Gemeinde ist und jeder von uns hat vielleicht auch eine andere Vorstellung, von dem, was für ihn oder sie Gemeinde ist. Wir tragen Idealbilder in uns, die sich daran orientieren, wie Beziehung gelingt – und das übertragen wir auf ein (kompliziertes) Gebilde wie die Gemeinschaft von Chris-ten – und nennen es dann Gemeinde. Wir kennen das Bild der Familie, das über-tragen wird – man hat in der Vergangenheit von der Pfarrfamilie gesprochen. In Zeiten, in denen die Familie als Institution in Frage steht, fällt es schwer, Gemeinde so zu sehen. Ja, was ist dann aber Gemeinde? Lassen Sie mich einmal die Perspektive verändern und anders fragen: Wozu brau-chen Sie eigentlich Gemeinde. Was wäre in Ihrem Leben anders, wenn es Gemeinde nicht geben würde. Würde etwas fehlen? Wozu brauchen Sie Gemeinde? Wenn wir diesen Perspektivenwechsel vollziehen, dann gehen wir von unseren Bedürfnissen und Wünsche aus und nicht von einer vorgegebenen Größe, in die wir uns einpassen müssen. Die gegenwärtige Erfahrung zeigt, dass sich heute viele Menschen da nicht einpassen lassen oder einpassen lassen können. Und das ist normal, auch wenn unsere Gemeinden darunter leiden. Aber Hand aufs Herz, reden wir da wirklich von Gemeinde, wenn wir unsere Situation beschreiben? Ein Theolo-ge hat einmal gesagt: Die Pfarrei ist der Tod von Gemeinde. Und da ist etwas Wah-res dran: Je mehr Verwaltung und Organisation, umso weniger gibt es spontanes Erleben. Und wenn das Territorium, auf dem Menschen leben, zum wichtigsten Kriterium wird, dann kommen nicht die zusammen, die zusammen wollen, sondern nur die, die zusammengehören. Und das ist nicht gut. Theologisch gesehen ist Jesus Christus die Mitte der Gemeinde, um ihn herum bil-det sich Gemeinde, aber das ist reine Theorie und beschreibt eine Wirklichkeit, die schon da ist. denn auch Jesus Christus oder der Leib Christi, aus dem Gemeinde besteht, gibt es nur mit wirklichen Menschen. Gemeinde meint etwas anderes. Gemeinde geht vom Einzelnen aus, von dessen Bedürfnissen. Nur über Bedürfnisse kommen Menschen heute zusammen. Und wozu in der Gemeinde? Menschen fragen nach Sinn in ihrem Leben. – In der Ge-meinde können sie andere finden, die auch suchen. Menschen brauchen Ansprech-partner, in der Gemeinde finden sie welche, die ihnen zuhören. Menschen stecken in Krisen. In der Gemeinde finden Sie andere, die Ihnen helfen. Menschen verzwei-feln am leben. In der Gemeinde finden Sie andere, die auch schon durch diese Zweifel hindurchgegangen sind. Auch diese Liste ließe sich fortsetzen. Und sie ist genauso unwirklich wie die erste. Mag sein. Aber wenn es keine Orte gibt, an de-nen das möglich ist, wo denn dann? Wir brauchen Gemeinden, in denen das Su-chen und Fragen der Menschen, ihre Hoffnungen und Visionen, ihr Glauben und ihre Verzweiflung einen Platz haben. Wenn das nicht der Fall ist, dann haben wir vielleicht Pfarreien, aber auf die kann man verzichten. Die Jünger von Emmaus fragen sich: „Brannte uns nicht das Herz, als er uns den Sinn der Schrift erschloss?“ Das ist ein Konzept für Gemeinde! Sich darüber verge-wissern, dass unser Herz brennt, wenn wir uns das Leben gegenseitig deuten, wenn wir es in einen größeren Zusammenhang stellen. Das ist Gemeinde. Solche Ge-meinden sind dann nicht mehr der Hort von Tradition und Wahrheit, sie müssen es auch nicht sein, denn wenn sich Menschen versammeln, die miteinander suchen, dann entstehen neue Traditionen und die Wahrheit wird neu in die Gegenwart ausgelegt und wird fruchtbar, dann geht es weiter! Und dann leben wir in einer lebendigen Gemeinde. Mit den besten Wünschen für die Urlaubszeit und dass Sie alle gesund wieder in Ihre Gemeinde zurückkommen. (NK) Ulrich Förderer und Norbert Kasper |